Wie kann ich eine zufriedenstellende Antwort haben, wenn sich selbst Politiker aller Couleur, Journalisten und Experten schwer tun? Das Thema ist weitreichend und ich kann höchstens einige Probleme aufzählen und Fragen stellen. Das ganze Thema scheint wie ein Gordischer Knoten zu sein. Ich hoffe, ich kriege das hier (wenn schon nicht umfassend, dann doch wenigstens fehlerfrei) auf die Reihe:
- Afghanistan hat zehn Jahre lang gegen die Sowjetunion gekämpft. Von den USA sind die Rebellen oder Freiheitskämpfer (je nach Sichtweise) fleißig mit Waffen versorgt worden. Doch nach dem Krieg, als das Land in Schutt und Asche lag, hat sich niemand mehr darum gekümmert. Die Wirtschaft liegt am Boden, von Infrastruktur ist keine Spur, die meisten Menschen sind bettelarm.
- In den 90ern hat es offenbar Bürgerkriege gegeben zwischen den Rebellen/Freiheitskämpfern, Nordallianz und den Taliban. Letztere haben gewonnen und eine islamistische Diktatur aufgebaut.
- Angeblich/Offenbar hat Osama bin Ladens Terrororganisation Al Qaida dort ihr Zentrum errichtet. Nach den Anschlägen 2001 haben die USA in Afghanistan einen Krieg begonnen, um die Strippenzieher zu fassen. Das hat nicht gut geklappt. Nicht nur, daß bin Laden nicht gefunden wurde; auch haben die Staaten u.a. mit dem Lager Guantanamo den Weg der Menschenrechte verlassen.
- Andere Länder müssen jetzt seit Jahren mithelfen, in Afghanistan ein halbwegs stabiles Staatsgebilde zu schaffen. Das ist auch nach sieben Jahren noch nicht gelungen. Von Sicherheit und Stabilität kann keine Rede sein.
- Inzwischen kommen über 90 Prozent der Weltopiumproduktion aus Afghanistan. Der Heroingrundstoff wird wohl die Terrorgruppen finanzieren. Wie kann das in einem besetzten Land passieren? Welchen Plan gibt es, den Bauern Alternativen zu bieten?
- Wer oder was ist Al Qaida? Wo hocken die? Wen ziehen sie auf ihre Seite? Wie funktioniert dieses "Terrornetzwerk"? Was haben sie vor? Wie denken die einfachen Leute dort über Al Qaida: Sympathisieren sie, haben sie Angst oder wünschen sie denen den Geier an den Hals?
- Das Problem liegt nicht nur innerhalb der afghanischen Grenzen. Offenbar spielen auch Kräfte aus Saudi-Arabien, Iran und Pakistan mit. Die unüberschaubare Gegend macht es bin Laden und seinen Leuten wohl leicht, sich überall zu verstecken. Sei es in Afghanistan, Pakistan oder in einem der vielen kleinen neuen Nachbarländer.
- Gibt es irgendeinen Plan? Militärisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich? Gibt es wenigstens eine Auflistung dessen, was wofür benötigt wird? Dann könnte man immerhin abgleichen, ob die Anstrengungen in Form von Geld und Militär ausreichen. Durch die tagesaktuellen Meldungen erscheint doch vieles nur wie Stückwerk. Wo ist die Übersicht? Problem -> Idee -> Durchsetzung -> Ziel. Wo steht Afghanistan in dieser Kette?
Und dann Moeps Eingangsfrage: Deutschland schickt 1.000 weitere Soldaten hin. Was meine ich dazu?
Nichts. Ich fürchte, ich habe da im Moment keine Meinung zu. Ich bin Pazifist, kann mich also grundsätzlich mit keinem Militäreinsatz anfreunden. Weder möchte ich Soldat sein noch möchte ich Soldaten irgendwo wegen irgendwas hinschicken. Nun gibt es aber viel Gewalt auf der Welt, viele Waffen und viele Soldaten. Auf allen Seiten. Das kann man sich nicht wegwünschen. Auch gibt es weltweite Verflechtungen wirtschaftlicher und politischer Art. Es gibt die NATO, die UNO, es gibt Welthandel mit Rohstoffen und fertigen Produkten. Es gibt weitere Krisenherde verschiedener Bedeutung: Irak, Iran, Pakistan. Es sind so viele Räder ineinander verzahnt. Dreht man an einem Rad, drehen sich viele automatisch mehr oder weniger schnell mit. Welche Rolle spielt dabei Deutschland?
Alles, was man im Moment mit (Deutschland und) Afghanistan verbindet, gefällt mir nicht. Mehr Meinung habe ich leider nicht.
Vor allem fehlen mir Antworten. Wer ist Strippenzieher, Geldgeber, Profiteur auf Seiten der Terroristen? Warum machen viele Menschen bei den Attentaten mit und wie kann man das ändern? Ich habe die Vermutung, daß militärische Einsätze von den USA & Co keine Lösung bringen, weil sie ein gewaltsamer Eingriff außen sind, die dortigen Verhältnisse unbekannt und der Aufbau eines intakten Landes zu langwierig und kostspielig ist. Ich kann lediglich darauf hoffen, daß sich die Lage beruhigt, die Wirtschaft in Gang kommt und die Menschen dort wieder Frieden, Essen, Bildung, Arbeit, Perspektive und Selbstbestimmung bekommen werden. Ich fürchte aber, das kann noch lange dauern.